Fremde Schuld


 Im Dorf verurteilte man Warja noch am selben Tag, an dem ihr Bauch unter der Bluse sichtbar wurde. Mit zweiundvierzig! Eine Witwe! Welch eine Schande! Ihren Mann Semjon hatte man vor zehn Jahren auf dem Friedhof begraben, und nun – siehe da – brachte sie „in ihrem Schoß“ etwas mit.

„Von wem denn?“, zischten die Frauen am Brunnen.

„Wer weiß das schon, diese Luder! Still, bescheiden… und schau, wohin es sie geführt hat!“ – pflichteten andere bei.

„Die Töchter sind im heiratsfähigen Alter, und die Mutter läuft herum und treibt sich herum! Schande!“


Warja sah niemanden an. Kam von der Post, trug die schwere Tasche über der Schulter und hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Nur ihre Lippen waren zusammengepresst. Hätte sie gewusst, worauf das hinausläuft – vielleicht hätte sie sich nicht in all das verwickeln lassen. Aber wie sollte sie wegsehen, wenn ihr eigenes Kind in Tränen zerfloss?


Alles begann jedoch nicht mit Warja, sondern mit ihrer älteren Tochter, Marischka.

Marischka war kein Mädchen, sie war ein Bild – eine Kopie ihres verstorbenen Vaters Semjon. Blond, blauäugig, schön. Das ganze Dorf schaute ihr nach. Katja, die jüngere, kam ganz nach Warja – dunkelhaarig, ernst, unscheinbar.

Warja liebte ihre Mädchen abgöttisch. Sie zog sie allein groß, arbeitete wie eine Verfluchte: tagsüber Postbotin, abends Stallarbeit. „Ihr müsst lernen!“, sagte sie immer. „Ich will nicht, dass ihr wie ich euer Leben in Dreck und mit einer schweren Tasche verbringt! Ihr müsst in die Stadt, unter Menschen!“


Marischka zog wirklich in die Stadt. Leicht, wie ein Vogel, der aus dem Nest springt. Sie wurde an einem Handelsinstitut aufgenommen, fiel dort sofort auf, schickte Fotos – mal im Restaurant, mal in einem schicken Kleid. Und ein Bräutigam tauchte auf. Nicht irgendwer, sondern der Sohn eines hohen Beamten. „Mama, er hat mir einen Pelzmantel versprochen!“, schrieb sie.

Warja freute sich. Katja runzelte die Stirn. Sie selbst blieb im Dorf und arbeitete als Hilfskraft im Krankenhaus. Wollte zur Krankenschwester werden, aber das Geld reichte nicht. Die Hinterbliebenenrente und Warjas Lohn gingen fast vollständig für Marischkas „städtisches Leben“ drauf.


Diesen Sommer kam Marischka zurück. Nicht wie sonst – laut, bunt, mit Geschenken. Sondern still, fahl. Zwei Tage verließ sie ihr Zimmer nicht. Am dritten Tag fand Warja sie weinend in ein Kissen vergraben.

„Mama… Mama… Ich bin verloren…“

Und dann die Wahrheit: Der „goldene“ Bräutigam hatte sie ausgenutzt und fallen gelassen. Und sie war im vierten Monat schwanger.

„Zu spät für eine Abtreibung! Wenn ich das Kind bekomme, werfen sie mich aus dem Institut! Mein Leben ist vorbei!“

Warja saß wie vom Blitz getroffen. „Und was jetzt? Ins Waisenhaus? Aussetzen?“

Ihr Herz brach. Das Enkelkind ins Heim?


In jener Nacht schlief Warja nicht. Ging wie ein Schatten durch das Haus. Am Morgen setzte sie sich zu Marischka aufs Bett.

„Es wird gehen“, sagte sie fest. „Wir schaffen das.“

„Wie denn?!“, schrie Marischka. „Alle werden es erfahren! Schande!“

„Niemand erfährt etwas“, schnitt Warja ab. „Wir sagen… er ist meiner.“

Katja hörte alles durch die dünne Wand. Sie presste das Kissen gegen ihr Gesicht und weinte – aus Mitleid für die Mutter und Ekel gegenüber der Schwester.



Einen Monat später reiste Warja „zur Tante“. Das Dorf tuschelte und vergaß. Ein halbes Jahr später kam sie zurück. Nicht allein. Mit einem Baby in blauer Decke.

„Schau, Katjuscha – dein Bruder… Mitjenka.“

Das Dorf schnappte nach Luft.

„Von wem? Vom Vorsitzenden?“

„Ach was, der ist zu alt! Vom Agronomen! Ein stattlicher Mann!“


Warja schwieg zu all dem Gerede. Das Leben begann von Neuem – und schwer. Mitjenka war unruhig, schrie viel. Warja fiel vor Erschöpfung fast um. Katja half schweigend: wusch Windeln, wiegte den „Bruder“. Doch in ihrem Inneren kochte alles – auch ihr Leben geriet durch all das ins Wanken. Wer wollte schon eine Braut, deren Mutter angeblich „rumlief“ und deren Bruder ein „Bastard“ war?


Marischka schrieb aus der Stadt. „Mama, ich vermisse euch! Kein Geld, aber bald schicke ich etwas!“

Das „Geld“ kam ein Jahr später – hundert Rubel und Jeans, die Katja zwei Nummern zu klein waren.

Warja schuftete weiter. Katja an ihrer Seite. Marischka schickte Fotos aus Ägypten und der Türkei. Fragte nie nach „dem Bruder“.


Jahre vergingen. Mitja wurde achtzehn. Wuchs zum Prachtexemplar heran – groß, blauäugig, fröhlich, fleißig. Er liebte Warja und Katja abgöttisch. Er schloss die Schule mit Auszeichnung ab.
„Mama! Ich fahre nach Moskau! An die Baumann-Uni!“
Warjas Herz zog sich zusammen. Moskau… dort war Marischka.
„Vielleicht an unsere regionale Uni?“, fragte sie leise.
„Ach was, Mama! Ich muss mich durchbeißen! Ich bringe euch noch in ein Schloss!“

Doch am Tag des letzten Examens fuhr eine schwarze Limousine vor.
Daraus stieg… Marischka.
Warja stockte der Atem, Katja erstarrte.
Marischka, fast vierzig, sah aus wie aus einem Magazin. Dünn, teuer gekleidet, voller Gold.
Sie begrüßte alle, sah dann Mitja – und verstummte.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Wir müssen reden“, sagte sie.


In der Stube erzählte sie alles. Sie hatte alles – Geld, Haus, Ehemann. Nur Kinder hatte sie keine. Ärzte, Kliniken – nichts. Ihr Mann war wütend, sie verzweifelt.
„Ich bin… wegen meines Sohnes gekommen“, sagte sie mit brüchiger Stimme.
Warja erstarrte. Katja wurde weiß.
„Gib ihn mir zurück! Ich gebe ihm eine Zukunft! Eine Wohnung in Moskau! Er wird studieren, leben… Mama, du hast mir damals das Leben gerettet. Jetzt gib mir meinen Sohn!“
Warja brach fast zusammen.

„Er ist kein Gegenstand! Er ist mein! Ich habe Nächte nicht geschlafen, ich habe…“
Da kam Mitja herein. Er hatte alles gehört. Bleich stand er im Türrahmen.
„Mama… ist das wahr?“
Warja bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus.

Katja jedoch explodierte.
Sie ging auf Marischka zu und schlug ihr so heftig ins Gesicht, dass diese gegen die Wand prallte.
„Du Kreatur! Welche Mutter bist du?! Du hast ihn weggeworfen wie einen Hund! Du wusstest, dass sie – unsere Mutter – vor Scham kaum aus dem Haus gehen konnte! Ich… ich bin wegen deiner Schuld allein geblieben! Und du willst jetzt zurückkommen und ihn einfach mitnehmen?!“

Mitja schwieg lange. Dann kniete er sich vor Warja nieder und umarmte sie.
„Mama… meine Mama.“
Er sah Marischka an.
„Fahren Sie weg. Ich habe keine Mutter in Moskau. Ich habe nur eine Mutter – hier. Und eine Schwester.“
Er nahm Katjas Hand.
„Und Sie… Tante… fahren Sie.“

Am Abend verließ Marischka das Dorf. Ihr Mann, der alles aus dem Auto mitansehen hatte, stieg nicht einmal aus. Ein Jahr später verließ er sie – eine andere gebar ihm ein Kind. Marischka blieb allein zurück – mit Geld, aber ohne Familie.

Mitja ging nicht nach Moskau. Er studierte an der regionalen Universität.
„Mama, ich werde hier gebraucht. Ich baue uns ein neues Haus.“
Und Katja? Sie schien in jener Nacht wie neu geboren. Als hätte man einen Korken aus ihr gezogen. Sie blühte auf – mit achtunddreißig. Und der Agronom, über den die Frauen damals tuschelten, begann, sich für sie zu interessieren – ein guter, verwitweter Mann.

Warja sah sie alle an – und weinte. Zum ersten Mal seit Jahren vor Glück.
Denn eine Sünde war es wohl.
Aber ein Mutterherz… hält sogar die schwerste Schuld aus.

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