Der Stuhl hatte seinem Großvater gehört und war in der Nacht vor Elias' zweitem Geburtstag vom Dachboden geholt worden. Er roch nach Pfeifenrauch und dem leichten Zedernholzduft des alten Landhauses, wo Opa ihm früher Bilderbücher über Züge vorgelesen hatte. Die Beine wackelten; eines war kürzer als die anderen, ein Makel, den Opa nie behoben hatte, denn „perfekte Dinge lassen keinen Platz für Geschichten“.
Elias wusste das alles noch nicht. Er wusste nur, dass der Stuhl hoch genug war, um ihn sich wie einen Riesen fühlen zu lassen, und klein genug, um den Kuchen aufzunehmen, den Mama aus der Küche hereingetragen hatte. Der Kuchen war schief – der blaue Zuckerguss war auf einer Seite dicker, die bunten Streusel rutschten herunter, als wollten sie fliehen. Die Kerze in Form einer roten Zwei stand schief und schwitzte bereits Wachs. Elias starrte sie an, wie er alles Neue anstarrte: mit großen Augen und leicht geöffnetem Mund, als könnte die Welt zu ihm sprechen, wenn er nur genau genug hinhörte.
Mama kniete nieder, das Telefon in der einen, das Feuerzeug in der anderen Hand. „Bereit, Kleiner?“
Elias nickte, obwohl er nicht wusste, wozu. Die Flamme brannte. Er beugte sich vor, die Wangen aufgebläht, und blies. Nichts geschah. Er versuchte es erneut, diesmal fester. Die Kerze flackerte, blieb aber an, so hartnäckig wie der Stuhl. Mama lachte leise und müde.
Sie war seit vier Uhr morgens mit Backen beschäftigt gewesen, seit drei Uhr morgens mit Sorgen, seit Mitternacht hatte sie ihn durch sein Fieber gewiegt, das vor einer Stunde endlich nachgelassen hatte.
„Lass mich dir helfen“, sagte sie, und gemeinsam löschten sie die Flamme. Elias klatschte begeistert in die Hände, als sich die graue Locke wie ein Geist erhob. Er griff nach der Kerze – heiß und scharf –, und Mama hielt sein Handgelenk gerade noch rechtzeitig fest.
„Noch nicht, Geburtstagskind.“
Hinter ihnen herrschte Stille im Zimmer. Keine Luftballons, keine Cousins, keine Großeltern. Nur das Summen des Kühlschranks und das Ticken der Wanduhr, die Opa jeden Sonntag aufzog. Papa war noch im Krankenhaus und beendete gerade seine Doppelschicht. Er hatte versprochen, bis zum Kuchen wieder zu Hause zu sein, aber Versprechen verlieren an Bedeutung, wenn jemandes Herz versagt.
Elias bemerkte die Leere nicht. Er bemerkte den Kuchen. Er bemerkte Mamas Lächeln, wie es an den Rändern zitterte, wie es die Kerze getan hatte. Er bemerkte die Socken, die Oma letztes Weihnachten gestrickt hatte – Züge, die in krummen Reihen seine Waden hinaufzogen. Er zog eine herunter, wobei ein Loch an der Spitze sichtbar wurde, und kicherte.
Mama schnitt das erste Stück ab. Das Messer kratzte über den Teller, ein Geräusch wie ein Geheimnis. Sie reichte es Elias auf einem Papiertuch, denn die guten Teller waren für den Umzug verpackt, den sie immer wieder verschoben. Er biss hinein, und Zuckerguss verschmierte ihm übers Kinn. Dann tat er etwas, womit niemand gerechnet hatte: Er brach ein Stück ab und hielt es in die leere Luft neben den Stuhl.
„Für Opa“, sagte er, klar wie am helllichten Tag.

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